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I Can't Relax In Deutschland - Seelsorge

oder Fragen, die Sie sich immer schon gestellt haben, sich aber nicht zu fragen trauten





[1] Was habt ihr eigentlich gegen deutschsprachige Musik?

Es ist uns schlichtweg egal, welcher Herkunft ein/e Künstler/in ist und in welcher Sprache geschrieben, gesungen oder gesprochen wird - ob in Deutsch, Englisch oder Finnisch. Dass wir nichts gegen deutschsprachige Musik haben und einige Bands sogar sehr mögen, auf die diese Zuschreibung passt, zeigt ja auch die Zusammenstellung unserer Platte. Auf ihr befinden sich u.a. Tocotronic, Kettcar, Die Sterne oder Die Goldenen Zitronen. »I Can't Relax In Deutschland« setzt also nicht auf ein idiotisches Sprachverbot, wohl aber auf ein Problembewusstsein, das die uns unterstützenden Künstler/innen teilen.

Dieses Problembewusstsein zielt zum einen darauf, was gesungen wird und zum anderen, in welchem gesellschaftlichen Rahmen sich diese Artikulation bewegt. Uns ist folglich wichtig, wie Musiker/innen Sprache benutzen, aber auch mit welcher Intention sie sich für eine Sprache entscheiden. Sprache ist schließlich auch ein Mittel, um nationale Homogenität zu erzeugen sowie Identifikation zu ermöglichen und unter Umständen auch zu erzielen. Sobald ein/e Musiker/in aus Deutschland kommt und/oder deutsch singt, wird er/sie als Deutsche/r wahrgenommen und unter die Gruppe deutscher Künstler/innen subsummiert - oft unabhängig davon, wie er/sie selbst dazu steht. Das haben Bands wie Blumfeld oder Tocotronic oft genug zu spüren bekommen.

Dem Text eines Liedes droht sozusagen eine zweite Botschaft zur Seite zu treten: Die Versicherung der nationalen Identität durch die Sprache. Deutschsprachigkeit wird als Verkaufsargument genutzt, durch das die heimische Musikindustrie an die Vaterlandsliebe/treue der Käufer/innen appelliert. Nicht dass auf deutsch gesungen wird, ist unser Problem, sondern dass viele Musiker/innen und ihre Fan-Base kein Problem mehr darin sehen, den nationalen Schulterschluss kulturell zu unterfüttern.

[2] Warum sind auf eurem Sampler (fast) nur deutsche Künstler/innen mit großteils deutschen Texten versammelt?

Natürlich könnten auch französische oder polnische Musiker/innen auf der Compilation vertreten sein. Von der Vereinnahmung unter eine deutsche (Pop)Kulturtradition sind aber (fast) nur Künstler/innen betroffen, die deutsch singen oder aus Deutschland kommen. Eine Band aus Spanien wird wohl kaum das Bedürfnis verspüren, sich gegen die Subsummierung unter deutsches Kulturgut zu verwahren, weil eine solche Subsummierung einfach nicht stattfindet. Dass es so scheint, als würden wir das verbindende Element der auf unserem Sampler vertretenen Musiker/innen - nämlich eben wieder das Deutsche - ins Spiel bringen, nur halt negativ gewendet, sollte uns deshalb nicht zum Vorwurf gemacht werden. »I Can't Relax In Deutschland« ist kein »Neue Heimat«-Sampler unter umgekehrten Vorzeichen.

[3] Was haben die Deutschen von heute denn noch mit dem zu tun, was vor 60 Jahren geschah?

Zunächst: Jede/r sollte sich mit der Geschichte des Landes beschäftigen, in dem er/sie lebt. Der Nationalsozialismus ist ein zentrales Ereignis der deutschen Geschichte. Er ist nicht »zufällig nach Deutschland gekommen«, sondern ein spezifisch deutsches Produkt. In Deutschland haben antidemokratisches, autoritäres Denken, Rassismus und Antisemitismus eine lange und starke Tradition. Diese bildete bereits früh die geistige Grundlage dessen, was im Naziwahnsinn zu seinem Höhepunkt und zur gesellschaftlichen Gestaltungsmacht fand. Und auch nach der Niederschlagung des Nationalsozialismus wirken diese Traditionen im mehr oder weniger schlecht Verborgenen fort, sich zähneknirschend mit den neuen Verhältnissen abfindend. Zwar hat sich seitdem einiges verändert, der Umgang der Deutschen mit ihren Verbrechen ist aber, um nur das Mindeste zu sagen, unheimlich. Einerseits haben sich die Deutschen im Großen und Ganzen nur widerwillig und äußerst oberflächlich mit ihrer Geschichte beschäftigt, ohne sich mit den Ursachen dessen auseinanderzusetzen, was geschah. Andererseits sind sie von ihr besessen und können gar nicht genug über Hitlers Privatleben, anrührende Geschichten über den einfachen Landser oder den Achsenbruch am Ochsengespann der »heimatvertriebenen« Familie erfahren. Die deutschen Verbrechen werden dabei auch nicht verschwiegen, denn es gibt bereits bessere Methoden des Schlussstrichs: Geschichtsfälschende Scheindebatten etwa um den zum »Bombenholocaust« halluzinierten alliierten Luftkrieg oder die »Heimatvertriebenen« zielen darauf ab, deutsche Verbrechen zu verdrängen und deutsche Täter/innen mit ihren Opfern gleichzusetzen. In der Gegenwart »entdecken« die Deutschen den Nationalsozialismus mit Vorliebe in anderen Staaten: Erwähnt seien etwa Israels »hemmungsloser Vernichtungskrieg« (Norbert Blüm) oder die vermeintlichen »Nazimethoden« der USA in Guantanamo Bay oder im Irak. Der Holocaust wird von der deutschen Außenpolitik immer wieder als »Trumpfkarte« instrumentalisiert: Im Falle Ex-Jugoslawiens diente der Verweis auf ein »neues Auschwitz« als Legitimation für einen Krieg, anlässlich des letzten Irakkrieges nutzte man die Geschichte dann aus der anderen Richtung: Dem Krieg gegen Saddams Baath-Diktatur im Irak widersetzte man sich mit der scheinheiligen Begründung, man hätte aus der Vergangenheit gelernt!

Um so richtig deutsch sein zu können, versichern sich die Deutschen (von heute) ihrer nationalen Identität beständig. Dies geschieht u. a. durch die permanente Beschwörung »ihrer« (Pop-) Kultur und Geschichte. Kritik können sie dabei nicht gebrauchen: »Wer immer noch unter Verweis auf die Geschichte opponiert, ist altbacken, verkrampft, verspießt, gar konservativ im schlimmsten Sinne [...]. Ewiggestrig sind in diesem Diskurs nicht primär Landserheftchen, Holocaustleugnung und Führerfanatismus, sondern gerade jene, die sich um ein Begreifen der konkreten deutschen Verbrechen bemühen, um deren Grundlagen zu beseitigen und eine Wiederholung zu verhindern«, schreibt die in unserem Büchlein vertretene Gruppe sinistra!.

[4] Warum dürfen die Franzosen stolz auf Frankreich sein, wir aber nicht stolz auf Deutschland?

Die Frage ist so falsch gestellt. Richtig müsste sie heißen: welchen vernünftigen Grund gibt es überhaupt, auf eine Nation stolz zu sein? Um es vorweg zu nehmen: wir finden, es gibt keinen. Ob nun ein Franzose darauf abfährt, Franzose zu sein oder sich ein Brite den Union Jack tätowieren lässt, ist ähnlich geschmacklos wie Musiker/innen in schwarz-rot-gold.

Nationen sind den Menschen gegenüber immer gewaltförmig. Sie bilden sich stets in Abgrenzung zu etwas »Anderem« - Diskriminierung und Unterdrückung sind darin bereits angelegt. Der Grund, warum wir keinen »I Can't Relax With Nationalism«-Sampler herausgebracht haben, liegt nun allerdings darin, dass sich die bestehenden Unterschiede zwischen den diversen Nationalismen nicht nivellieren lassen. Von der beschriebenen grundlegenden Gemeinsamkeit abgesehen sind die historischen Konstitutionsbedingungen von Nation zu Nation nämlich sehr verschieden und sollten auch in ihrem Verhältnis zueinander betrachtet und kritisiert werden. Das deutsche Nationalbewusstsein beruht v.a. auf dem »Volk«, der gemeinsamen Abstammung als Ausschlussprinzip alles »Nichtdeutschen«. Erst auf dieser Grundlage konnte sich der rassenideologisch motivierte Vernichtungswille der Deutschen herausbilden und in der nationalsozialistischen »Volksgemeinschaft« verwirklichen. Dies geschah eben nicht »irgendwo«, sondern in Deutschland. Vor diesem Hintergrund erweist sich die Gleichsetzung Deutschlands mit anderen Nationen nach dem Motto: »Die sind auch nicht besser!« als unhistorisch und reaktionär. (siehe Punkt 3)

[5] Sind Bands, die auf deutschsprachigen Samplern (»Neue Heimat«, »Generation deutsch« etc.) zu finden sind, nationalistisch?

Nicht unbedingt. Politische Überzeugung ist nur eine denkbare Motivation für die Beteiligung an einem Sampler. Oftmals spielen wirtschaftliche oder vertragsrechtliche Gründe, manchmal aber auch Unwissenheit, auf was für ein Projekt man sich einlässt, die entscheidende Rolle. Natürlich wünschen wir uns aber, dass Künstler/innen ihre diesbezüglichen Handlungsspielräume bewusst nutzen. Vorsichtige Rückschlüsse auf das Problembewusstsein einer Band sind also möglich; wer sich für ihre politischen Positionen interessiert, sollte aber lieber versuchen, diese aus den eigenen Aussagen bzw. dem Gesamtbild der Künstler/innen zu schlussfolgern.

[6] Was spricht eigentlich gegen eine »Deutschquote« in den Medien?

Wir lehnen eine Quotierung deutscher Musik aus verschiedenen Gründen ab. »Deutsch« ist eine unsinnige Kategorie, um Musik zu bewerten. Zudem ist die »deutsche Musik« etwas völlig Schwammiges: Handelt es sich nun um deutschsprachige Musik oder Musik, die von Deutschen geschrieben, produziert oder vorgetragen wird?

Man sollte berücksichtigen, dass die heutige Popmusik, ganz gleich ob überhaupt, und wenn ja, in welcher Sprache sie vorgetragen wird, nicht ohne den bestimmenden Einfluss englischer und amerikanischer Popkultur von Jazz über Blues, Rock'n'Roll, Beat, Punk, Hip Hop usw. denkbar ist. Eine moderne, »ursprünglich deutsche« Musik gibt es nicht - »was wären all jene, die sich für die Deutsch-Quote ausgesprochen haben, ohne Blues, Country, Rock'n'Roll und ohne den (sie vergessen es leicht: In den USA, nicht Mannheim oder Stuttgart entstandenen) Hip Hop?« (Martin Büsser)

Nicht nur auf der stilistischen, sondern auch auf der Ökonomischen Ebene - in Bezug auf den internationalen Musikmarkt - lehnen wir es ab zu trennen, was nicht zu trennen ist. Es ist uns dabei schlicht egal, ob die Bevorzugung deutscher Musik nun aus tiefer Heimatliebe oder kühler Standortlogik heraus erfolgt. Nationalistisch, d.h. voller Vorurteile, irrational und auf Ausgrenzung beruhend, ist sie in jedem Fall. Davon abgesehen, dass Kunst nicht irgendwelchen gesetzlichen Interventionen unterliegen sollte, halten wir es - wenn überhaupt - angebracht sich gute Musik im Radio zu wünschen. Das Kriterium »deutsch«, das sowohl Roland Kaiser, DJ Ötzi, als auch Die Sterne erfasst, kann dafür ja wohl kaum ein tauglicher Maßstab sein.

[7] Ist das Deutschland von heute nicht weltoffen und bunt?

Das hängt davon ab, was mit »weltoffen und bunt« gemeint ist. Zwar liberalisiert sich unsere Gesellschaft teilweise, wenn es um weltoffene und bunte Äußerlichkeiten geht; kaum jemand ärgert sich mehr über die sprichwörtliche Irokesenfrisur - aber nur, weil mittlerweile bekannt ist, dass ihr/e Träger/in genauso jeden Tag zur Arbeit hetzt und Steuern zahlt. Auch die Ablehnung fremder Kulturen (außer der »amerikanischen Unkultur«) ist ausgesprochen unmodern. Aber einem nicht geringen Teil dessen, was heute als »bunter Vielfalt« bezeichnet wird, liegen Kulturalismus, Exotismus und Rassismus zu Grunde. Bestimmte Kulturen (nicht zuletzt die »eigene«) werden als ewige Konstanten missdeutet, denen sich die einzelnen Menschen mit ihren Bedürfnissen dann unterzuordnen haben. Deutsche Chauvinist/innen billigen anderen die Rechte nicht zu, die sie für sich als selbstverständlich erachten, etwa wenn sie Menschenrechtsverletzungen in anderen Teilen der Welt ideologisch selektiv wahrnehmen und mit dem schulterzuckenden Verweis »andere Länder, andere Sitten« rechtfertigen. Beim »Karneval der Kulturen« oder bei der »Afrika-Woche« im Einkaufszentrum berauschen sie sich an »exotischem Flair« und lamentieren darüber, dass es ja nur noch so wenige »unberührte Flecken« auf der Welt gibt. Dass die dort lebenden echten Menschen, die diesen auch von ausreichend Nahrungsmitteln, Bildung, Gesundheitsversorgung und persönlicher Freiheit »unberührten Flecken« entkommen wollen, als Flüchtlinge in Deutschland rassistischer Schikane und Diskriminierung durch Staat und weite Teile der Bevölkerung ausgesetzt sind, wenn sie nicht ohnehin in Abschiebeknästen sitzen, ist ihnen dabei meist egal. Vielleicht erzählen sie dann aber auch was über »schwierige Zeiten«, in denen man sich nun mal befinde und begrüßen das Ganze auch noch.

[8] Was wollt ihr eigentlich mit Eurer Buch-CD erreichen?

Wir bilden uns nicht ein, über Popmusik die Nation zusammenfalten zu können. In diesem Sinne machen wir auch keinen Sampler gegen Deutschland, weil wir mit so einer Intention Pop zu einer rebellischen Veranstaltung erklären würden, die er nicht ist.

Worum es einzig gehen kann, sind Basisbanalitäten; d.h. sowohl Musiker/innen als auch Hörer/innen in Erinnerung zu rufen, dass Musik ohne Ressentiments auskommt. Im eigenen Interesse wünschen wir uns Songs, die weder sexistisch, noch antisemitisch, weder antiamerikanisch, noch rassistisch sind und die auch nicht an die deutsche Nation appellieren.

Uns geht es mit dem Sampler also darum, Künstler/innen aufzufordern, sich nicht für eine deutsche Kulturtradition vereinnahmen zu lassen. Uns geht es darum, Gegenstimmen zum derzeitigen Abgehype explizit nationaler Kultur zu bündeln und ein kritisches Bewusstsein zu fördern. Es gibt was Besseres als die Nation.

[9] Soll es jetzt nur noch Songs gegen Deutschland geben?

Bitte nicht. Wir sind schon glücklich, wenn es keine selbstvergessenen Songs für Deutschland mehr gibt.